Der Schulleiter stellt sich vor.

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Miteinander und voneinander lernen, heißt Brücken bauen!

Mein Name ist Jürgen Stolze, ich bin Jahrgang 56 und habe einen Teil meiner Kindheit in einem Kinderheim verbracht. Ich habe es auch mit ein wenig Glück geschafft, mir die Eltern selbst auszusuchen. Wer kann das schon? Damals war ich ungefähr 11 Jahre alt.

Mein Studium habe ich an der Humboldt-Universität absolviert und bin seit 80/81 im Schuldienst tätig - immerhin sind das schon 38 Jahre.
Ich lese gerne, gehe in klassische Konzerte, habe ein wenig wieder das Theater für mich entdeckt, interessiere mich für Computergrafik, male und zeichne, schreibe ein wenig nebenbei und seit den letzten zwei Jahren wage ich mich auch an Skulpturen und Plastiken heran. Kochen und Wandern sind weitere Leidenschaften.

Seit 90/91 arbeite ich als Schulleiter. An der Grundschule an der Marie bin ich seit dem 2.Halbjahr 2010 tätig.
Was mich an dieser Schule berührt, sind kluge und engagierte Kinder, Kolleginnen und Kollegen und nicht zu vergessen viele Eltern und Partner, die sich für die Belange von Schule und Kind einsetzen.
In den ganzen Jahren haben sich in Berlin viele Reformen ereignet. Eine der erfolgreichsten, aber am wenigsten unterstützte und evaluierte Reform ist die der Altersmischung in der Schulanfangsphase. Sie beruhte auf der Erkenntnis, dass Menschengruppen nicht homogen sind. Diese Heterogenität ist uns aus dem Alltag, dem Berufs- und Familienleben nicht unbekannt und hat ungeahnte Konsequenzen.

Lernen ist individuell und als Anlage im Menschen angelegt. In der Entwicklungspsychologie wird deshalb Wert darauf gelegt, Menschen dort abzuholen, wo sie stehen- ein anderes wesentliches Entwicklungsprinzip wird dabei oft unterschlagen, nämlich, ich weiß, was du schaffen und erreichen kannst - das Orientierungs-, bzw. Zukunftsprinzip. Kindern mit unserer Hilfe und Unterstützung in ihrer und damit auch in unserer Entwicklung zu geben, ist deshalb eine schöne, aber in einer immer komplizierter werdenden globalisierten Welt auch anspruchsvolle und verantwortungsvolle Aufgabe.

 

Schon aus diesem Grunde kann Schule nicht Dienstleister sein, weil alle Beteiligten diesen Entwicklungsanspruch haben und haben sollten, nicht nur unsere Kinder, sondern auch wir selbst. Lernen ist ein ständiger Beziehungsaufbau zum Lernenden - genau genommen ein Brückenschlag. Die Lehrmethode, ich könne einen Menschen mit Wissen an- und auffüllen (Nürnberger Trichter) ist alte Schule und hat sich als nicht tauglich erwiesen, wird aber seltsamerweise trotzdem praktiziert und auch immer wieder von Eltern verlangt.

Eine neue Schule muss in allererster Linie den Kindern genügen, darf aber den Anspruch von Realität nicht verlieren. Wir sind auch nicht leistungsfeindlich, aber Leistung orientiert sich am Kind und nicht am Anspruch des Erwachsenen. Die Neigung, unsere eigenen Wünsche und Ansprüche auf das Kind zu projizieren, ist groß. Deshalb sollte uns allen bewusst sein, dass unsere Kinder auch nach uns in der Lage sein sollten, ein selbstbewusstes, eigenständiges und gutes Leben zu führen. Das Loslassen gehört dazu.

Die allererste Aufgabe von Schule ist Unterricht. Diese Aufgabe kompetent und zielgerichtet zu gestalten, ist spannend, kreativ, aber auch hochkompliziert. Alles, was Schule darüber hinaus mit Beteiligten noch unternimmt, ordnet sich dem strikt unter und ist Kür. Natürlich sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Freizeitgestaltung, durch den sozialpädagogischen Bereich organisiert in der Sozialisation unserer Kinder eine große Rolle spielt und zu den Pflichtaufgaben von Schule gehört.

Schule ist Gemeinschaft oder anders ausgedrückt: Der Schwarm ist  intelligenter als das Einzelwesen. Hier kann im Kleinen auch das erprobt werden, was die Veränderung einer Gesellschaft betrifft. Hier ist Raum für andere, alternative Lebensformen und gesellschaftliche Modelle. Schule unterstützt das Individuum, seine Stärken und Schwächen auszuleben, sich auszuprobieren und vor allen Dingen zu verstehen, warum der Andere neben mir anders ist und wie ich mit dessen Vorzügen, aber auch Nachteilen zusammen leben kann. Dabei liegt der Hauptschwerpunkt nicht auf defizitäre Orientierung, sondern Vielfalt und Stärke. Soziales Handeln und entsprechendes Verhalten wird erprobt und abverlangt.

Schule ist deshalb ein Schutzraum und Freiraum, in dem die Freiheit des Individuums, seine persönliche Verantwortung und das Gemeinschaftshandeln täglich gelebt und trainiert wird. Deshalb ist Schule auch gefährdet, wenn sie nur unter dem Gesichtspunkt von Einzelinteressen und Überforderungen von gesellschaftlicher Seite überfrachtet wird. Zunehmend muss Schule Aufgaben übernehmen, die weder inhaltlich, personell und finanziell untersetzt sind, aber Zeit und Kraft rauben, um    unsere eigentliche Aufgabe zu erfüllen, nämlich unsere Kinder dabei zu unterstützen, einen eigenen Weg ins Leben zu finden und auch gehen zu können.

Deshalb kann Schule Mitstreiter gut brauchen und jeder, der sich dieser gemeinschaftlichen Verantwortung stellt, sollte deshalb willkommen sein.

Stolze

(Schulleiter)